Die „Nighthunter“ entstanden irgendwann 2017 oder 2018, nachdem ich meine „Vakkerville Mysteries“ vollendet und veröffentlicht und erst einmal knapp 6 Monate nicht geschrieben hatte. Wofür es verschiedene Gründe gab. Als ich mein Leben wieder so weit sortiert hatte, dass ich mit dem Schreiben weitermachen konnte, wollte, sollte …
Stellte sich zunächst ein neurologisches/psychologisches Problem dazwischen:
Das menschliche Gehirn benötigt ca. 6–8 Wochen, um etablierte Verknüpfungen aufzulösen und neue zu schaffen.
Sprich: Liebgewonnene Gewohnheiten zu ändern, dauert bis zu 2 Monate. Ich kann das bestätigen! Als ich mit dem Joggen anfing, dauerte es 8 Wochen, bis ich den Punkt erreicht hatte, nicht jeden Morgen gegen tausend Ausreden anzukämpfen, um loslaufen zu können.
Übrigens scheitern die meisten Neujahrsvorhaben und Diäten genau daran. Die Leute halten die 2 Monate einfach nicht durch und geben viel zu früh auf.
Mein Hirn war jetzt also seit einem halben Jahr gewöhnt, im Tagesablauf keine Routine zum Schreiben zu haben.
Dennoch war ich wild entschlossen.
Ich schrieb auf Zetteln, in Notizbücher und in meinem geliebten Papyrus-Schreibprogramm. Ideen, Plotskizzen, Figurenentwürfe gab es genug.
Viele davon hatten auch ihren Platz in der Welt von »Vakkerville«.
Eine Bonusstory vielleicht, die vor der Trilogie spielt, eine indirekte Fortsetzung Jahre später … alles toll, nur alles hatte einen gewaltigen Haken.
Die Sachen waren zu umfangreich, um baldigst zu einem Ergebnis zu kommen, und damit extrem demotivierend.
Man lernt in jedem Workshop, dass man sich lieber kleinere Ziele setzen solle, weil nichts mehr motiviert, als eben das Erreichen von Zielen. Mir nutzten Schreibziele vom nächsten 1500-Seiten-Roman nichts, da sie frühestens in einem bis zwei Jahren veröffentlichungsreif sein würden.
In diesem eher frustrierenden Zustand las ich zufällig einen Artikel darüber, dass sich der analoge (aber mittlerweile auch der digitale) Groschenroman heutzutage immer noch recht gut verkauft.
Ich hatte schon immer großen Respekt vor den Autoren hinter den Heftromanen. Ähnlich wie Drehbuchautoren müssen sie sich an Deadlines halten, das Warten darauf, dass die Muse einen küsst, funktioniert hier nicht.
Vor allem reizte mich, die Beschränkung auf eine recht übersichtliche Wortanzahl, denn hier lag nahe, dass ich das Ziel schneller erreiche und mich somit besser motivieren konnte, um zügiger eine Arbeitsroutine zu entwickeln.
Ich kenne einen dieser Autoren, Florian Hilleberg, der unter dem Namen Ian Rolf Hill für »John Sinclair« und »Maddrax« schreibt. Von ihm holte ich mir die notwendigen Eckdaten. Ein Heftroman bei Bastei-Lübbe hat ca. 25 000–30 000 Worte. Heute weiß ich, dass das gar nicht so richtig stimmt. Bastei zählt in Zeichen und präferiert eine Länge von ca. 80 000 Zeichen pro Roman. Der BLITZ-Verlag übrigens eine Länge von ca. 20 000 Zeichen.
Aber damals stellte ich den Zähler im Papyrus eben auf Worte und dachte, dass das ein Ziel sei, das zu erreichen sein sollte.
Joshua Three (Science Fiction- und Fantasy-Autor), der ein sehr produktiver Selfpublisher ist, schrieb mal irgendwo auf Facebook, dass sein Tagespensum 3000–5000 Worte sind.
Ich beschloss, es zunächst bei 1 500–3 000 am Tag zu belassen. Man will sich ja nicht übernehmen. Übrigens beträgt mein Tagespensum heute, wo ich tatsächlich den großen Teil meines Lebensunterhaltes mit dem Schreiben bestreite, 3000–5000 Worte. Die meiste Zeit verbringe ich nämlich nicht mit dem Schreiben, sondern mit dem Entwickeln der Geschichten, der Figuren und allem anderen. Also dem Plotten. Das „reine Runterschreiben“ ist wirklich nur noch rein mechanische Arbeit.
Nun musste noch eine Story her.
Hier kamen verschiedene Einflüsse zusammen:
Ich hatte damals vor einiger Zeit das wirklich großartige Comic »Priest« gelesen, das leider unvollendet ist. Meiner Meinung nach u. a. auch, weil sich der Autor in der Story total verzettelt hat. Aber die Grundidee, die übrigens nichts mit dem Film zu tun hat, finde ich immer noch grandios:
Das Vermischen der Genres Western und Horror, mit einer sehr ambivalenten (untoter, von Rache getriebener Priester) Hauptfigur.
Ebenfalls las ich die Comic-Serie »East of West« (leider sind nur die ersten drei Bände auf Deutsch erschienen). Neben dem dortigen Genremix faszinierten mich am meisten die Figuren Crow und Wolf (beides indianische Gestaltwandler) und Death (einer der vier apokalyptischen Reiter, hier als Revolverheld dargestellt).
Auf der Homepage des Autors Robert McCammon, von dem ich damals den grandiosen ersten Band der »Mathew Corbett«-Reihe las, entdeckte ich die Reihe »I Travel by Night«, wo es um einen Vampir im Wilden Westen geht.
Neben den o.g. Einflüssen kann ich auch einen deutlichen Bezug zu Karl May nicht verleugnen. Ich habe ihn früher gerne gelesen und irgendwie reizte mich die »Buddie-Konstellation« mehr, als der mythische Einzelkämpfer wie bei »Priest«.
Dieses Kumpelding ist mir nur bei May zu pathetisch. Herrlich karikiert von Bully Herbig: »Mein Bruder! Mein Bruder! Mein Bruder!«
Beim Joggen hatte ich dann mit einem Mal eine Szene vor Augen, welche die perfekte erste Szene einer Geschichte bildet. (Ich habe die meisten Ideen beim Joggen und muss dann immer schnell nach Hause und die sofort aufschreiben.) Das Setting und die Hauptfiguren werden eingeführt und der Leser mit einem ordentlichen Haken zum Weiterlesen geködert. Diese Szene ist jetzt übrigens genau das erste Kapitel, des hier vorliegenden Bandes.
Zu Hause angekommen, schrieb ich diese zunächst auf, dann machte ich mich an das Plotten der gesamten Story.
Mit der o.g. Wortvorgabe war es dann auch mit einem Mal kein Kunststück mehr, anhand der von mir geliebten 3-Akt-Struktur eine Geschichte zu plotten. Eine Story, die in sich geschlossen ist, allerdings aufgrund ihrer Hauptfiguren und des Settings genügend Raum für jede Menge Fortsetzungen gibt.
Allein meine Charakterbögen für die beiden wichtigsten Protagonisten und ihre (im ersten Band noch gar nicht alle in Erscheinung tretenden) Antagonisten sind mittlerweile ziemlich umfangreich, sodass sich, allein aufgrund dieser Struktur – eine abgeschlossene Geschichte in ca. 25 000 Wörtern zu erzählen, darüber einen roten Faden mit Platz für … sehr viele weitere Geschichten … die nächsten Teile beinahe wie von selbst plotteten.
Für die Struktur der Serie entschied ich mich für eine etwas andere Art, als die am meisten verbreitete.
Serien funktionieren ja nach anderen Regeln, als z. B. Einzelromane, Reihen oder Trilogien.
Reihen sind Geschichten, die eigentlich (keine Regel ohne Ausnahme davon) immer abgeschlossen sind. Jede einzelne spielt aber im gleichen Universum. Meist auch mit den gleichen Protagonisten. Das macht ein Quereinsteigen leicht.
»John Sinclair« ist so ein Beispiel. Da kann man auch mit dem aktuellen dreitausendsten Heftroman einsteigen. Bei »Nighthunter« wird das sicherlich schwierig. Mal abgesehen davon, dass ich wohl kaum dreitausend Teile und auch keinen vierzehntägigen Veröffentlichungsrhythmus schaffen werde.
Die »Harry Dresden«-Bücher von Jim Butcher sind auch eher eine Reihe, als eine Serie. Quereinsteigen ist hier sicherlich auch möglich, chronologisch lesen aber geiler. Hier kann man aber durchaus auch ein Jahr zwischen den einzelnen Büchern verstreichen lassen, ohne dass man wieder von vorn anfangen muss, weil sie in sich geschlossene Storys erzählen und die notwendigen Informationen aus den letzten Teilen auch immer wieder eingestreut werden.
Das Quereinsteigen bei einer Serie ist deutlich schwieriger, da Serien im Grunde so etwas wie ein langer, in Einzelteile zerlegter Roman sind, der dann vielleicht noch in Staffeln gegliedert wird. Vor allem zeichnen sich Serien durch Cliffhanger aus. Am Ende jedes einzelnen Teils und zum Staffelfinale dann noch mal ein ganz fieser. (Also am Ende jedes Kapitels und am Ende jedes Buches nochmal. Siehe »Das Lied von Eis und Feuer«!)
»Game of Thrones« habe ich übrigens auch erst am Stück geschaut, als alle Staffeln veröffentlicht waren.
Es gibt aber noch eine andere Form des seriellen Erzählens. Es wird pro Folge ein in sich geschlossenes Abenteuer erzählt, und darüber hinaus hat die Geschichte noch einen roten Faden, dem man folgen kann/will, aber nicht muss.
Bisher kenne ich das nur aus dem Fernsehen. (Kann aber an meinen Genre-Vorlieben liegen. Vielleicht gibt es ja dreitausend E-Book-Serien in der Art im Bereich »Paranormale Romantik«? Was übrigens KEINE Urban Fantasy ist, auch wenn es euch gerne als solche verkauft wird! Anderes Thema.)
»Akte X« ist ein Beispiel für diese Art des Erzählens, die im Grunde eine Mischung aus Serie und Reihe darstellt. Neben den abgeschlossenen Einzelepisoden (sog. »Monster of the Weeks«) gab es, meist am Anfang und am Ende der Staffeln, zusammenhängende Geschichten mit Cliffhangern, die der sog. »Mythologie« folgten. (Erst später erfuhr ich durch eine Rezension von der Serie »Supernatural«, die dem gleichen Erzählmuster folgt und darüber hinaus erstaunliche Parallelen zu meiner Serie aufweist. Ich schwöre, ich habe bis heute nicht eine Folge »Supernatural« gesehen!
Diese Kombination macht(e) es einfach, der Serie über viele Jahre zu folgen. Die Protagonisten waren mir vertraut, ihre Backstory wurde nach und nach (übrigens vorbildlich schlüssig) enthüllt, bot also genug Spannung über die einzelnen Folgen, und dann gab es da noch den roten Faden, den man sich sogar ohne die Einzelfälle hätte anschauen können. (Habe ich vor ein paar Jahren mal mit der DVD-Box auch so gemacht.)
Viele Einzelfolgen von »Akte X« konnte/kann man andererseits gut schauen, ohne alle anderen zu kennen.
An diesem Erzählmuster orientierte ich mich zunächst für »Nighthunter«, wobei mir schnell klar wurde, dass die extrem detailliert ausgearbeitete Hintergrundstory, der „Mythos“, bald ein eher typisch serielles Erzählen notwendig machen würde. Aber zumindest fasste ich den festen Vorsatz, die Geschichten nicht mit einem Cliffhanger enden zu lassen, was ich bis Band 10 und damit dem Ende der Staffel 1 auch einhielt.
2019 erblickten dann die „Nighthunter“, im Selfpublishing verlegt, das Licht der Welt.
Ende 2022 stellte ich die Serie nach Band 12, also mitten in der Staffel 2, ein. Die Gründe dafür werde ich in einem späteren „Making-of“ noch einmal erläutern.
Dass ihr sie jetzt – 2026 – aber wieder in der Hand haltet, hat damit zu tun, dass sich eine Menge in der Zeit seit der Einstellung getan hat.
Im Frühjahr 2025 kam der Kontakt zu EK-2 Publishing zustande, deren Gründer und Chef Jill Marc Münstermann Interesse daran bekundete, die „Nighthunter“-Serie zu veröffentlichen. Jill und ich führten ein paar sehr intensive Gespräche und wurden uns schließlich einig. Der Vertrag ist unterzeichnet.
Und nun ist es also so weit. Die „Nighthunter“ reiten wieder und ich freue mich, über jeden Menschen da draußen, der meine Version des Wilden Westens wieder – oder neu – entdeckt.
Viele Grüße,
Anton Serkalow, Januar 2026