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Blog: Die stillen Zeugen – Was uns Soldatenbiografien heute erzählen

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Die stillen Zeugen – Was uns Soldatenbiografien heute erzählen

Warum sind Soldatenbiografien gerade in der heutigen Zeit wichtig?

Jede Soldatenbiografie erzählt mehr als nur von Krieg und Front. Hinter den Daten, Fotos und Feldpostbriefen stehen Menschen – Söhne, Väter, Brüder –, deren Lebenswege der Krieg radikal veränderte. In den Biografien spiegeln sich nicht nur militärische Ereignisse, sondern auch persönliche Schicksale, Hoffnungen und Verluste.

 

Bei diesem Angriff war der Russe jedoch sehr nah an die Haffnot­straße herangekommen. In der Sandgrube und in den Baracken der ehemaligen Flakstellung hatte er sich verschanzt. Dort mußte er rausgeworfen werden, denn bei einem erneuten stärkeren Angriff wäre er in kurzer Zeit am Haff gewesen. So erhielt ich den Auftrag, einen Stoßtrupp mit Männern unserer Regiments-Reserve, ausgerü­stet vor allem mit Panzerfäusten, zu führen und den Russen aus sei­ner Stellung und aus den Baracken zu vertreiben. Damit wir uns an die Baracken heranarbeiten konnten, war der Abend, als es dämm­rig wurde, dafür vorgesehen. Der Russe schien sich in seinen Stel­lungen sehr sicher zu fühlen, denn er hatte kaum Posten aufgestellt. So konnten wir uns an die Baracken heranschleichen und dann alle gleichzeitig unsere Panzerfäuste auf die Baracken abfeuern. Die Baracken waren danach zerstört. Die Russen, die überlebt hatten, rann­ten davon. Beim Säubern des Gefechtsfeldes fanden wir in einem ehemaligen Munitionsbunker aus Beton einen Soldaten in Luftwaf­fenuniform, der sich dort versteckt hatte. Wie sich herausstellte, war er ein Angehöriger des „National-Komitees Freies Deutschland“, der mit anderen Angehörigen dieses von den Russen gegen Deutschland gegründeten Komitees aus deutschen Kriegsgefangenen auch „Seyd­litz-Komitee“ genannt, eingesetzt war. Wir nahmen ihn mit und lei­teten ihn an die Division weiter, wo er sicher zum Tode verurteilt worden ist.

Der Regimentsgefechtsstand befand sich in Heidemaulen im Haus des Lehrers. Gegenüber befand sich eine Ziegelei mit einem Beton­werk, die angeblich dem Gauleiter von Ostpreußen, Koch, gehörte. Nach dem bereits beschriebenen Abwehrerfolg blieb es in unserem Abschnitt ruhig, denn der Russe hatte sich darauf konzentriert, den Kessel von Heiligenbeil zu schließen. Ich hatte nun Zeit, das Krieg­stagebuch des Regiments über die Abwehrkämpfe zu führen. Bis da­hin kam ich ja nicht dazu. Dann beauftragte mich mein Kommandeur beim Divisionsstab für die Offiziere, die bei den Abwehrkämpfen verwundet worden waren und im Lazarett in der Heimat lagen, das „Eiserne Kreuz“ zu beantragen. So setzte ich mich also hin, und schrieb entsprechende Anträge mit kurzen Berichten, die die Verlei­hung des EK II oder EK I rechtfertigten. Unbeanstandet unterschrieb mein Kommandeur die Anträge.

Ob die Offiziere die Kriegsauszeichnungen auch erhalten haben, weiß ich nicht. Bei einer Fahrt zur Division kam ich auf der Straße jenseits von Haffstrom in einen Stalinorgel-Raketen-Überfall, der wohl vor allem einem Feldwebel vom Troß galt, der mit seinem Schimmel in einer Sandmulde entlang ritt. Das war natürlich grober Leichtsinn. Auf dem Schimmel war er gut auszumachen und deshalb wurde er wohl auch als Ziel gewählt. Sowohl er als auch sein Schim­mel sind bei dem Stalinorgel-Überfall ums Leben gekommen. Ich hatte mich rechtzeitig aus dem Schwimmwagen in Deckung legen können, so daß ich unverletzt davonkam. Den Abschuß der Stali- norgel konnte man an dem aufheulenden Geräusch gut wahrnehmen. Nachdem die letzten Raketen eingeschlagen waren und ich mir das Kampffeld anschaute, sah ich schachbrettartig die leeren Hülsen der detonierten Raketen in dem weichen Sand stecken. Dadurch ist die ganze Splitterwirkung nach oben und nicht, wie üblich, flach über den Boden gegangen. So vergingen die Tage. Wir warteten auf den Beginn des russischen Großangriffs. Die Stellungen waren in dem Sandboden gut ausgebaut. Hinter den Dünen waren die Geschütz­stellungen der Infanteriegeschütze des Oberleutnants Schäfer und ein „Stuka zu Fuß“ eingegraben. „Ein Stuka zu Fuß“ ist ein Rake­tengeschoß in einer einfachen Abschußvorrichtung, einem Gestell etwa 45 bis 50 cm Durchmesser, Länge etwa 1,20 bis 1,50 Meter. Diese Rakete wurde elektrisch gezündet. Die Bedienungsmann­schaft, 3 oder 4 Soldaten, hatten neben dem „Stuka“ ein tiefes Deckungsloch gegraben, in das sie beim Zünden der Rakete stiegen. Offenbar sind derartige Flugkörper schon beim Zünden und Starten explodiert. In einer Nacht gelang es den Russen, einen Panzer in ihren vordersten Graben zu bringen und dort bis zum Turm einzu­graben. Dieser Panzer machte uns viel Ärger und Ungemach, denn mit seiner Kanone schoß er auf alles, was ihm vor das Rohr kam. Und wir waren nicht in der Lage, dieses Ungetüm kampfunfähig zu ma­chen. Unsere Panzerfäuste reichten nicht so weit und andere Pan­zervernichtungswaffen besaßen wir nicht. Auch deutsche Kampf­flugzeuge standen nicht zur Verfügung. Nur russische Flieger waren zu sehen. Der Russe hatte sogar einen Fesselballon als Feuerleitstelle für seine Artillerie aufsteigen lassen, der ständig in der Luft war. Es bestand offensichtlich keine Möglichkeit, diesen Fesselballon abzu­schießen oder sonstwie zu beseitigen. Der Russe demonstrierte seine Überlegenheit unter anderem auch in der Form, daß er deutsche Frauen, die er in seinen Schützengraben verschleppt hatte, und die ihm dort wohl willfährig sein mußten, diese manchmal am Tag in weißen Nachthemden auf den Grabenrand stellte und zu uns herüber winken ließ. Ob er wohl glaubte, daß wir auf diese Frauen schießen würden? Was wird aus ihnen wohl geworden sein? 

 

Dieser Ausschnitt stammt aus dem Buch "Bevor die Erinnerung verblaßt: Als Infanterist an der Ostfront zwischen Woronesch und Königsberg bei der 377. Inf.Div. und der 367. Inf.Div."  von Bodo Kleine.

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