Friedrich Wilhelm von Steuben wird am 17. September 1730 in Magdeburg geboren. Sein Vater ist Offizier in der preußischen Armee und dient unter König Friedrich Wilhelm I., dem sogenannten „Soldatenkönig“. Die militärische Laufbahn scheint dem Sohn damit vorgezeichnet.
Schon früh wächst Steuben in einer Welt auf, die von Disziplin, Exerzierregeln und militärischem Denken geprägt ist. Er erhält eine für seine Zeit solide Ausbildung, spricht mehrere Sprachen und tritt schließlich selbst in die preußische Armee ein. Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) dient er als Offizier, unter anderem im Generalstab Friedrichs des Großen – eine Schule der modernen Kriegführung.
Doch trotz dieser Erfahrung bleibt Steuben der große Karrieresprung verwehrt. Nach dem Krieg wird die preußische Armee verkleinert, viele Offiziere verlieren ihre Perspektiven. Auch Steuben scheidet aus dem aktiven Dienst aus.
In den 1770er-Jahren befindet sich Steuben in einer schwierigen Lage. Er trägt zwar den Titel eines Freiherrn, besitzt aber kaum Vermögen. Sein militärisches Können ist unbestritten, doch in Europa findet er keine neue feste Anstellung.
Über französische Kontakte – insbesondere den Kriegsminister Claude-Louis de Saint-Germain – hört Steuben von den nordamerikanischen Kolonien, die sich im Krieg gegen Großbritannien befinden und dringend erfahrene Offiziere suchen. Frankreich unterstützt den Aufstand indirekt, und so wird Steuben 1777 nach Amerika vermittelt.
Er reist nicht als Söldner, sondern als Freiwilliger – ohne festen Rang, ohne garantierte Bezahlung. Ein bemerkenswerter Schritt für einen preußischen Offizier dieser Zeit.
Als Steuben im Winter 1777/78 das Lager der Kontinentalarmee in Valley Forge erreicht, bietet sich ihm ein erschütterndes Bild. Die Soldaten sind schlecht ausgebildet, mangelhaft ausgerüstet, die Disziplin ist schwach. Unterschiedliche Einheiten nutzen verschiedene Kommandos, Formationen und Drillmethoden – ein Albtraum für jeden preußisch geschulten Offizier.
George Washington erkennt jedoch sofort Steubens Wert. Er ernennt ihn zum Inspekteur-General der Kontinentalarmee.
Steuben spricht kaum Englisch. Befehle gibt er auf Deutsch oder Französisch, die dann von Dolmetschern weitergegeben werden. Doch seine Persönlichkeit, seine Klarheit und seine militärische Autorität wirken schnell.
Steubens größter Verdienst liegt in der systematischen Ausbildung der amerikanischen Armee. Er beginnt nicht mit theoretischen Vorträgen, sondern mit praktischer Arbeit:
Er bildet zunächst eine Modellkompanie aus
Diese Soldaten geben das Gelernte an andere Einheiten weiter
Einheitliche Kommandos, klare Bewegungsabläufe, standardisierte Formationen entstehen
Besonderen Wert legt Steuben auf:
den Umgang mit dem Gewehr
das Laden und Feuern unter Gefechtsbedingungen
den Bajonettkampf
Ordnung im Lager und Hygiene
Er brüllt, flucht, korrigiert – Zeitzeugen berichten von seinem temperamentvollen Auftreten. Doch die Soldaten respektieren ihn. Zum ersten Mal fühlen sie sich wie eine echte Armee.
1779 verfasst Steuben das „Regulations for the Order and Discipline of the Troops of the United States“, besser bekannt als das „Blue Book“. Dieses Handbuch wird zur verbindlichen Grundlage der amerikanischen Heeresausbildung – und bleibt es über Jahrzehnte.
Viele seiner Prinzipien fließen dauerhaft in die Militärtradition der USA ein. Noch heute sieht sich die US Army in einer Linie, die bis zu von Steuben zurückreicht.
Die Früchte seiner Arbeit zeigen sich bald. In der Schlacht von Monmouth (1778) treten amerikanische Truppen erstmals britischen Einheiten auf Augenhöhe entgegen. Disziplin, Formationstreue und Standfestigkeit sind deutlich verbessert.
Steuben selbst nimmt auch an späteren Operationen teil, unter anderem bei der entscheidenden Belagerung von Yorktown (1781), die den Krieg faktisch beendet. Seine Rolle ist dabei nicht die des Feldherrn, sondern die des militärischen Architekten im Hintergrund.
Nach dem Krieg erhält Steuben endlich die Anerkennung, die ihm lange versagt blieb. Er wird amerikanischer Staatsbürger, bekommt eine Pension und Land zugewiesen. Reich wird er nie, doch er ist geachtet und geehrt.
Friedrich Wilhelm von Steuben stirbt am 28. November 1794 im Bundesstaat New York. Auf seinem Grabstein steht schlicht, aber bedeutungsvoll:
„Ein treuer Diener der Vereinigten Staaten.“
Von Steuben ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie europäische Militärtradition und amerikanischer Freiheitskampf miteinander verschmolzen. Er brachte keine Monarchie, keinen Absolutismus – sondern Ordnung, Professionalität und militärisches Handwerk.
In den USA wird er bis heute geehrt:
Steuben-Paraden in mehreren Städten
Schulen, Kasernen und Landkreise tragen seinen Namen
Sein Andenken ist Teil der amerikanischen Militärgeschichte
In Deutschland hingegen ist er nahezu vergessen.
Friedrich Wilhelm von Steuben war kein großer Stratege im klassischen Sinn, kein glänzender Feldherr. Aber er war etwas ebenso Wichtiges: der Mann, der aus Freiwilligen Soldaten machte.
Ohne ihn hätte es vielleicht keine schlagkräftige Kontinentalarmee gegeben – und ohne diese womöglich keine Vereinigten Staaten von Amerika.
Ein preußischer Offizier, der fern der Heimat Geschichte schrieb.