Der russisch-ukrainische Krieg seit dem 24. Februar 2022
Hintergründe, Verlauf und Perspektiven
Der am 24. Februar 2022 begonnene großangelegte russische Angriff auf die Ukraine markiert eine Zäsur in der europäischen Sicherheitsordnung. Er stellt die bislang massivste militärische Auseinandersetzung auf dem europäischen Kontinent seit 1945 dar und hat weitreichende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen – weit über die unmittelbare Region hinaus. Um die Dynamik dieses Krieges zu verstehen, ist jedoch ein Blick auf seine Vorgeschichte unerlässlich.
Bereits mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 entstand zwischen Russland und der unabhängigen Ukraine ein komplexes Spannungsverhältnis. Die Ukraine suchte schrittweise eine stärkere politische und wirtschaftliche Anbindung an westliche Institutionen wie die Europäische Union und perspektivisch auch an die NATO. Diese Entwicklung verstärkte sich nach der sogenannten Orangenen Revolution 2004 und insbesondere nach den Ereignissen des Jahres 2014, als infolge der Maidan-Proteste der prorussische Präsident Wiktor Janukowytsch gestürzt wurde. Russland reagierte darauf mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim sowie mit der Unterstützung separatistischer Kräfte in den ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk. Der seit 2014 schwelende Konflikt im Donbas forderte bereits vor 2022 mehr als 14.000 Todesopfer und schuf eine dauerhaft militarisierte Kontaktlinie im Osten des Landes.
Vor diesem Hintergrund eskalierte die Lage im Winter 2021/22. Russland konzentrierte umfangreiche Streitkräfte an der ukrainischen Grenze und forderte verbindliche Sicherheitsgarantien vom Westen, darunter einen faktischen Verzicht auf eine NATO-Erweiterung. Als diese Forderungen nicht erfüllt wurden, begann Russland am 24. Februar 2022 eine umfassende Invasion. Der Angriff erfolgte aus mehreren Richtungen – aus Belarus gegen Kiew, aus dem Osten in Richtung Charkiw und Donbas sowie aus dem Süden von der bereits 2014 annektierten Krim.
In der Anfangsphase zielte die russische Operationsführung offenbar auf einen schnellen politischen und militärischen Zusammenbruch der Ukraine ab. Dieser Ansatz scheiterte jedoch am unerwartet entschlossenen Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und an logistischen sowie operativen Defiziten auf russischer Seite. Bereits im Frühjahr 2022 zog sich Russland aus dem Großraum Kiew zurück und verlagerte den Schwerpunkt der Kampfhandlungen in den Osten und Süden des Landes.
Seither entwickelte sich der Krieg zunehmend zu einem hochintensiven Abnutzungskrieg mit Elementen des Stellungskrieges. Insbesondere in den Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson verlaufen stark befestigte Frontlinien, die durch Artillerieeinsatz, Drohnenkrieg und präzisionsgelenkte Waffensysteme geprägt sind. Beide Seiten erlitten hohe Verluste an Personal und Material. Die Ukraine ist dabei in erheblichem Maße auf militärische, finanzielle und nachrichtendienstliche Unterstützung westlicher Staaten angewiesen. Die Vereinigten Staaten, EU-Mitglieder und weitere Partner stellten umfangreiche Hilfspakete bereit, während gegen Russland weitreichende wirtschaftliche Sanktionen verhängt wurden.
Die humanitären Folgen des Krieges sind gravierend. Millionen Menschen wurden innerhalb der Ukraine vertrieben oder suchten Zuflucht im Ausland. Zahlreiche Städte und Infrastruktureinrichtungen – darunter Energieversorgung, Industrieanlagen und Wohngebiete – wurden zerstört oder schwer beschädigt. Gleichzeitig hat sich der Konflikt zu einem technologisch geprägten Krieg entwickelt, in dem unbemannte Systeme, elektronische Kampfführung und Informationsoperationen eine bedeutende Rolle spielen.
Strategisch betrachtet hat der Krieg die europäische Sicherheitsarchitektur nachhaltig verändert. Die NATO verstärkte ihre Ostflanke erheblich, während zuvor neutrale Staaten wie Finnland und Schweden den Bündnisbeitritt vollzogen beziehungsweise beantragten. Russland wiederum orientierte sich wirtschaftlich und politisch stärker in Richtung Asien und intensivierte seine Kooperation mit Staaten, die sich den westlichen Sanktionen nicht anschlossen.
Eine belastbare Prognose über den weiteren Verlauf des Krieges ist schwierig. Mehrere Szenarien erscheinen möglich. Ein anhaltender Abnutzungskrieg mit nur begrenzten territorialen Verschiebungen ist ebenso denkbar wie eine Phase eingefrorener Frontlinien, die de facto einem „eingefrorenen Konflikt“ gleichkäme. Eine umfassende diplomatische Lösung setzt voraus, dass beide Seiten zu substantiellen Kompromissen bereit sind – insbesondere in der Frage territorialer Kontrolle und künftiger Sicherheitsgarantien. Derzeit sind entsprechende Voraussetzungen jedoch nur eingeschränkt erkennbar.
Gleichzeitig bleibt das Risiko einer Eskalation bestehen, etwa durch verstärkte Angriffe auf kritische Infrastruktur, hybride Operationen außerhalb der Ukraine oder eine Ausweitung der militärischen Unterstützung durch externe Akteure. Dennoch zeigt der bisherige Verlauf, dass sowohl Russland als auch die NATO-Staaten bestrebt sind, eine direkte militärische Konfrontation zwischen Bündnis und Russland zu vermeiden.
Der russisch-ukrainische Krieg ist somit nicht nur ein regionaler Konflikt, sondern Ausdruck grundlegender geopolitischer Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Er berührt Fragen der staatlichen Souveränität, der Bündnispolitik, der Energieversorgung und der internationalen Ordnung. Unabhängig vom konkreten militärischen Ausgang wird dieser Krieg die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik noch über Jahre hinaus prägen.
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Kampfpanzer Leopard 2 und Leopard 1 im Einsatz (NEUAUFLAGE): Historie, Varianten und Kampfeinsätze in Bosnien, Afghanistan, Kosovo, Türkei, Syrien und mehr + BONUS: Ausblick Ukraine von Jill Marc Münstermann