Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland politisch, wirtschaftlich und militärisch zerrissen. Während sich in den westlichen Besatzungszonen mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 ein demokratischer Staat entwickelte, entstand im Osten mit der DDR ein sozialistischer Staat unter sowjetischem Einfluss. Die deutsche Frage – also die Zukunft eines vereinten Deutschlands – blieb ungelöst und war zugleich ein zentraler Konfliktpunkt des sich verhärtenden Ost-West-Gegensatzes.
Konrad Adenauer setzte früh auf eine konsequente Westbindung. Er war überzeugt, dass Sicherheit, Stabilität und wirtschaftlicher Wiederaufbau nur durch die Einbindung in westliche Bündnisse zu erreichen seien. Kritiker hingegen warnten, dass dieser Kurs die deutsche Teilung zementiere und die Chancen auf eine gesamtdeutsche Lösung nachhaltig beschädige.
Dass das Deutsche Manifest ausgerechnet in der Frankfurter Paulskirche verabschiedet wurde, war kein Zufall. Die Paulskirche gilt als Wiege der deutschen Demokratie: Hier tagte 1848/49 die erste gesamtdeutsche Nationalversammlung. Der Ort stand somit sinnbildlich für nationale Einheit, demokratische Selbstbestimmung und den Anspruch auf ein gemeinsames deutsches Staatswesen.
Die Initiatoren des Manifests wollten bewusst an diese Tradition anknüpfen. Ihr Auftritt in der Paulskirche war ein politisches Signal: Die Frage der deutschen Einheit sei keine rein taktische Angelegenheit der Bündnispolitik, sondern ein historisches und moralisches Kernanliegen.
Das Deutsche Manifest war kein Regierungsdokument, sondern ein Appell. Unterzeichnet wurde es von Politikern unterschiedlicher parteipolitischer Herkunft, darunter auch ehemalige Minister und führende Persönlichkeiten der frühen Bundesrepublik. Gemeinsam war ihnen die Sorge, dass der NATO-Beitritt Westdeutschlands die Spaltung Deutschlands auf unabsehbare Zeit festschreiben würde.
Zentrale Aussagen des Manifests waren:
die Warnung vor einer dauerhaften Verfestigung der deutschen Teilung,
die Kritik an einer Außenpolitik, die die Wiedervereinigung faktisch hintanstelle,
die Forderung nach einer aktiven, eigenständigen deutschen Politik zur Wiederherstellung der Einheit,
sowie der Appell an die Großmächte, Deutschland nicht endgültig zum Spielball geopolitischer Interessen werden zu lassen.
Dabei richtete sich das Manifest nicht nur gegen die Bundesregierung, sondern auch an die Öffentlichkeit. Es sollte das Bewusstsein dafür schärfen, dass sicherheitspolitische Vorteile möglicherweise mit einem hohen nationalen Preis erkauft wurden.
Die unmittelbare politische Wirkung des Deutschen Manifests blieb begrenzt. Die Adenauer-Regierung hielt unbeirrt an ihrem Kurs fest, und der NATO-Beitritt war zu diesem Zeitpunkt faktisch nicht mehr rückgängig zu machen. In der öffentlichen Debatte jedoch sorgte das Manifest für erhebliche Aufmerksamkeit.
Es machte deutlich, dass die Westbindung keineswegs unumstritten war und dass es innerhalb der Bundesrepublik eine ernstzunehmende Strömung gab, die die deutsche Einheit über bündnispolitische Loyalitäten stellte. Gerade in intellektuellen und kirchlichen Kreisen fand der Appell Resonanz.
Rückblickend zeigt sich, dass viele der im Manifest geäußerten Befürchtungen nicht unbegründet waren: Die deutsche Teilung verfestigte sich über Jahrzehnte, die innerdeutsche Grenze wurde zur tödlich bewachten Trennlinie, und die Wiedervereinigung rückte tatsächlich in weite Ferne – bis sie 1990 unter völlig veränderten weltpolitischen Rahmenbedingungen doch noch möglich wurde.
Das Deutsche Manifest ist heute vor allem ein Zeitdokument. Es spiegelt die Unsicherheit, die Ängste und die politischen Alternativen der 1950er-Jahre wider. Es erinnert daran, dass die Geschichte der Bundesrepublik nicht nur eine Erfolgsgeschichte der Westintegration ist, sondern auch eine Geschichte verpasster Chancen, harter Entscheidungen und kontroverser Debatten.
Gerade vor dem Hintergrund heutiger sicherheitspolitischer Diskussionen lohnt ein Blick zurück auf 1955. Das Manifest mahnt, dass Bündnisse, Sicherheit und nationale Interessen stets in einem Spannungsverhältnis stehen – und dass politische Weichenstellungen oft Generationen überdauern.
Das Deutsche Manifest von 1955 war der Versuch, die deutsche Einheit vor dem Vergessen zu bewahren, während sich die Bundesrepublik unumkehrbar im Westen verankerte. Auch wenn es den politischen Kurs nicht ändern konnte, bleibt es ein eindrucksvolles Zeugnis politischen Gewissens und historischer Verantwortung – formuliert an einem Ort, der wie kaum ein anderer für den Traum eines geeinten Deutschlands steht.